Manchmal, die Kerze war kaum gelöscht, fielen mir die Aug so rasch zu, dass keine Zeit blieb, mir zu sagen: Ich schlafe ein.”
Ihr kennt den Zustand sicher auch. Ich kenne ihn gut, denn ich gehe unter der Woche gern zeitig zu Bett. Aber ich schlafe eigentlich niemals ein, ohne vorher noch ein Buch zur Hand genommen zu haben – und seien es nur die zwei, drei Sätze, die ich lese, bevor mir die Augen zufallen. Das brauche ich einfach.
Ein besonders gutes Mittel, rasch einzuschlafen, sind anspruchsvolle Texte. Lange Sätze. Marcel Prousts Sätze. Wie der da droben. Und mir reicht schon ein einziger Satz, um mich glücklich zu machen und darüber im Traum zu meditieren. Das gibt mir einfach so ein wohliges Gefühl von Gute-Nacht-Geschichte und Kindheit. So ein Satz zum Beispiel – ist der nicht wunderbar:
“In jenem Jahr hatten meine Eltern den Termin unserer Abreise nach Paris etwas vorverlegt; am Morgen des Aufbruchs hatte man mir, weil ich photographiert werden wollte, die Locken gewickelt, mir vorsichtig einen Hut darauf gesetzt, den ich noch nie getragen hatte, und einen Samtkittel angezogen; ich wurde überall gesucht, und schließlich fand mich meine Mutter in Tränen auf dem kleinen steilen Pfad neben Tansonville; wie ich gerade von dem Weißdorn Abschied nahm; mit beiden Armen drückte ich die stacheligen Zweige an mich, und wie eine Tragödien-Fürstin – ‘die Last des eiteln Schmucks’ beklagend und undankbar gegen ‘die lästige Hand, die durch so vieler Knoten Schlingen mein Haar auf meiner Stirn zu ordnen sich bemüht’- zertrampelte ich mit den Füßen die Lockenwickel, die ich mir aus den Haaren gerissen hatte, und meinen neuen Hut.”
“Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” – Geschrieben in den Jahren 1908 bis 1922. Zur Zeit, als es noch solche Telephone gab. Oder jedenfalls kurz vorher.

Marcel Proust webt ganz nebenbei ein Zitat ein, wie übrigens ständig in seinen Texten. Hier spielt er auf Racines Trägödie “Phèdre” aus dem Jahr 1677 an – der Geschichte der unglücklich liebenden Stiefmutter Hippolytes. Ein Netzwerk an Querverweisen und Irrwegen. Schön …
Nur eines hat Proust nicht berücksichtigt:
Die Richtige Satzlänge! Kurze, klare, einfache Subjekt – Prädikat – Objekt – Sätze. Schnell auswertbar. Maximal 14 Wörter. Keine Schachtelsätze. Keine Partizipalkonstruktionen. Keine Nebensätze. Einfach lesbar. Ein Gedanke pro Satz.
Texter berücksichtigen diese Regeln Tag für Tag. Und es ist – Weiß Gott! – nicht unbedingt einfacher, komplexe Sachverhalte in knapper und verständlicher Form auszudrücken.
Zum Ausgleich empfiehlt sich: Täglich Proust lesen. Zum Einschlafen eigentlich viel zu schade …
Also, wer macht mit?